Spiral Dynamics und die memetischen Zustände

von Tina Wiegand

Spiral Dynamics ist ein Entwicklungsmodell, das auf den Psychologen Clare Graves zurück geht und von Don Beck weiter entwickelt und veröffentlicht wurde. Ich glaube, dass dieses Denkmodell in einer globalisierten Welt dazu beiträgt, dass wir uns und andere besser verstehen. Da das Modell sehr umfangreich ist, kann ich hier nur einen kurzen Abriss geben. Nähere Ausführungen finden Sie in meinem „Lotusbuch“, das im Herbst erscheinen wird. (Inzwischen ist es im erschienen. Hier der Link.)

Was ist ein Mem?

Ein Mem ist ein Wertekomplex, der entsteht, wenn Menschen sich optimal an die Umgebung anzupassen, um  möglichst gut zu überleben. Veränderungen in der Umgebung und Umwälzungen zwingen  Menschengruppen, sich in das nächste Mem zu entwickeln. Auch Werte und Verhaltenskomplexe aus vorhergehenden Mems sind in zivilisierten Menschen vollständig vorhanden, da unsere Vorfahren die verschiedenen Mems durchlebt und in uns als genetische Information hinterlassen haben. Unter bestimmten Umständen können wir daher auch auf Mems zurückfallen, die vor unserer Entwicklungsstufe liegen. Aber beginnen wir erst mal mit den Inhalten. Um die Mems besser identifizieren zu können, sind ihnen Farben zugeordnet:

Beiges Mem:

Säuglinge, Amöben, der Verirrte in der Wüste und Flüchtlinge in Lebensgefahr befinden sich alle im beigen Mem. Hier geht es ums Überleben und sonst um nichts mehr. Im beigen Mem wird ein ausgewachsener Mensch gefährlich, ein Baby wird sterben, wenn es keine Zuwendung bekommt. Diese niedrigste Schwingungsebene ist emotionslos und schmerzarm, denn die Überlebensmechanismen sorgen dafür, dass wir in dem Zustand zwar Zugang zu allen Energien haben, aber wir fühlen nichts mehr. Tod oder Leben ist die Frage. Naturkatastrophen wie z.B. Erdbeben und Kriege können Gesellschaften in diesen Zustand katapultieren. Wir hören dann von Plünderungen, Massakern und anderen Grausamkeiten, die nur verständlich werden, wenn man sich vor Augen hält, dass die Menschen vor Ort nur noch nach archaischen Überlebensmechansimen funktionieren. Hierhin gehört auch der Begriff des Traumas.

Lila Mem:

Da das Überleben im beigen Mem dem Zufall überlassen ist, bleiben Menschen in Gruppen organisiert. Naturvölker und Eingeborene befinden sich im lila Mem. Hier gibt es Häuptlinge und Schamanen, die die Menschen mit den Geistern der Natur in Verbindung bringen. Die übermächtige Natur muss besänftigt werden, was Eingeborene der ganzen Welt durch Rituale und Tänze tun. Im lila Mem bleiben Rassen weitgehend unter sich, da die Konfrontation mit dem Fremden eine zusätzliche Bedrohung darstellen kann und Vermischung die optimale Anpassung durch fremde Regeln außer Kraft setzen könnte. In diesem Mem ist Rassismus daher völlig normal und weit verbreitet, dient aber, anders als in unserem Mem, dem Überleben. Die Regeln sind strikt, die Männer aufgrund der notwendigen körperlichen Überlegenheit meist nach außen führend (Frauen unterliegen im Kampf gegen Löwen leichter als Männer – vor allem wenn sie schwanger sind) und es gibt eine klare Hierarchie in den Sippen und Stämmen und eine tiefe Naturverbundenheit. Den Stamm verlassen bedeutet den Rückfall ins beige Meme und Tod in der und durch die Natur.

Rotes Mem:

Slums, Streetgangs und Warlords befinden sich im roten Mem, das sich bildet wenn die Stämme und ihre Regeln aufbrechen. Oft sind Hungersnöte der Grund. Die Menschen überwinden ihre Todesangst und wandern ab in die Städte. Hier beginnen sich die Rassen zu vermischen. Beispiel: Streetgangs zeichnen sich vielleicht durch ein gemeinsames Erscheinungsbid, Symbole o.ä. aus, aber sie bestehen oft aus Asiaten, Latinos, Schwarzen und Weißen gleichermaßen. Hier gilt das Faustrecht und der „Redlight District“ entsteht. Regeln fallen weg, es kämpft jeder gegen jeden. Die als feindlich erlebte Natur wird zubetoniert, wo immer es geht. Es herrscht Überlebenskampf der Gruppen untereinander und Rivalitätskämpfe innerhalb der Gruppen. Gewalt ist an der Tagesordnung, oft auch Perspektivlosigkeit und Resignation bei denen, die nicht zu den Stärksten gehören.

Blaues Mem:

Monotheistische Kirche, staatliche Organisation, in Armeen organisiertes Militär, Hierarchien, Justiz, Verwaltung gehören ins blaue Mem. Im roten Mem entsteht durch das reine Faustrecht ein „Sodom und Gomora“, in dem die Menschheit nur überlebt, wenn sich gesittete Gruppen strukturieren und das Chaos in Ordnung bringen können. So lässt sich der neue Einfluss der Kirche erklären, die mit Leibfeindlichkeit der überall grassierenden Vergewaltigung entgegen tritt. Ihr Hauptargument: „über euch gibt es Einen, der ist stärker als Ihr alle. Wartet nur, bis Ihr sterbt, dann werdet Ihr was erleben :-)“ Anders dürften sich die wüsten Horden wohl kaum disziplinieren lassen. Den wilden Keilereien von jedem gegen jeden tritt ein organsisiertes Heer entgegen, das nicht mehr impulsiv, sondern ausschließlich auf Befehl reagiert. Justiz und Polizei werden organisiert und als Gewalten über die Anarchie gestellt. Frauen werden von Huren und Vergewaltigten zu Sittenwächterinnen, die langsam wenigstens eine Chance auf Autonomie z.B. als Gouvernante oder Krankenschwester haben. Im Faustrecht gingen sie unter, wenn sie nicht besser bewaffnet waren.

Oranges Mem:

Industrie, Technik, Emanzipation von der Religion durch Naturwissenschaft, Gleichberechtigung von Mann und Frau, der Mensch als Kreativer, dies ist das orange Mem. Der Mensch beginnt zu forschen und entdeckt Chemie, Physik und andere Naturwissenschaften, mit denen er das Universum begreift. Er stellt Gott in Abrede und hält alles nur noch für naturwissenschaftliche Vorgänge. Technologie macht Menschen von der Natur und ihren Katastrophen unabhängiger. Der Mensch erlebt sich selbst als Gott, weil er in alles eingreifen kann (z.B. Genforschung). Er überwindet Krankheiten und fühlt sich nicht mehr Gott und Satan ausgeliefert, wie es im blauen Mem noch der Fall ist. Die Gesetze werden utilitaristischer, der Mensch beginnt im größeren Stil zu reisen und erfoscht Tiefsee und All. Die Welt wird globalisiert und vernetzt.

Grünes Mem:

Hippies, Ökologie, Verantwortung für die Erde, Abkehr von der Autorität, neue Suche nach transformierter Spiritualität, all das sind Begriffe des grünen Mems. Krieg wird abgelehnt und der Gedanke des Weltfriedens entsteht. Der Mensch hat in seiner „Göttlichkeit“ übertrieben und bemerkt, dass er die Meere vergiftet hat, weil er eben doch nicht Gott ist und ihm der Überblick fehlt. Das orange Meme hat die Erde vergewaltigt, die Schönheit zerstört und die Natur ist ein Wrack. Im grünen Mem beginnt man sich nun zu besinnen und sucht nach Möglichkeiten, dem manischen Wahnsinn des organen Mems Grenzen zu setzen. Hier in Deutschland befinden wir uns genau in dem Spannungsfeld oder sagen wird, dem Krieg zwischen orangem und grünem Mem. Manche besinnen sich auf das lila Mem und lassen den Schamanismus und die Rituale für die Erde wieder aufleben. Das hilft, aber zurück in die Vergangeheit ist nicht die Antwort, denn sie negiert, dass da eine Entwicklung stattgefunden hat, auch wenn der Mensch gerade über seine Destruktion entsetzt ist. So gut es das grüne Mem jedoch auch meint, in seiner Abwehr aller anderen Mems sorgt es, ohne es zu wissen, für die größte aller Krisen, die bis dato vorhanden waren: eine kollektive Krise, die dann für die nächste Entwicklungsstufe sorgt.

Die Mems bis hierher, also beige, lila, rot, blau, orange, grün, können noch nicht erkennen, dass sie aufeinander aufbauen und dass das eine aus dem anderen hervor gegangen ist. Es herrschen Kriege über Werte vor und jeder glaubt, dass sein Vorgehen das beste ist. Dies ist das „First Tier“, also der erste Teil der Spirale der Mems, die mit recht wenig Verständnis füreinander aufeinander reagieren und miteinander interagieren. Erst wenn die schwere Krise überwunden ist, entsteht das

Gelbes Mem:

Systemik ist das Schlagwort. Es herrscht eine nüchterne Akzeptanz der Tatsache vor, dass alle vorhergehenden Mems da sind, notwendig sind und sich nur das eine aus dem anderen heraus entwickeln kann. Es gibt eine größere Toleranz, aber der Weltverbesserungsanspruch, der im grünen Mem noch vorherrschte ist ebenso der Vorsicht gewichen, wie der technologische oder digitale Übermut. Gelb erkennt, dass die Mems Kriege miteinander führen und akzeptiert erstmal die komplexen Zusammenhänge. Es wird weniger individuell, dafür mehr in Systemen gedacht und der Mensch als Baustein seiner Systeme verstanden. Die grünen Changemanagement Aktionen sind als wirkungslos identifiziert und Interaktionen und Interdependenzen werden untersucht – mit anderen Worten die Beziehungen treten in den Fokus des sehr ernüchterten Interesses. Dogmen werden ad absurdum geführt, die Viefalt des Lebensbiotopes anerkannt. Etwa 10% der Menschen denken im Moment „gelb“. Die Beziehungen werden unverbindlicher und flexibler, Hierarchien aufgelöst und flexibel neu gestaltet. Doch da sich menschliches Miteinander auf Dauer so nicht weiterführen lässt, entwickelt sich nun das

Türkises Mem:

Das holographische Denken ist noch realitv neu und wird erst von ca. 1% der Menschen verstanden. Statt sich beispielsweise über andere Rassen ein Urteil zu bilden, identifiziert sich der holographisch Denkende mit „den anderen“. Auf einer komplexen Ebene erlebt sich der holografphisch Denkende als Hologramm der Systeme, mit denen er konfrontiert ist, untersucht seine Resonanzen und geht erwünschte Veränderungen durch Veränderungen in seinem eigenen Glaubenssystem an. Alle Realität, die der Mensch erlebt, betrachtet der holographisch Denkende als Spiegel seiner eigenen Matrix, als Ergebnis der eigenen Prägungen. So findet der Mensch seine Macht wieder, die jedoch ein hohes Maß an Demut und Arbeit an sich selbst erfordert. Es ist nicht die Macht seines Tuns, sondern die Macht der Auswirkung, der Selbstwirksamkeit von der hier die Rede ist. Diese kommt nur unter Berücksichtiung hoher ethischer Standarts zum Tragen, denn es scheint, als gäbe es mentale „Kindersicherungen“, die nicht jeden in diesem Bereich schalten und walten lassen, wie ihm beliebt :-). Aber das ist ein weites Feld. Auf alle Fälle wird die Lebensverantwortung vollständig übernommen, auch für Opfersituationen o.ä., Gender Diversity spielt keine Rolle mehr, wohl aber die Beziehungsqualität, das Lernen und die Entwicklung. Das holographische, türkise Mem ist noch in der experimentellen Phase und an vielen Stellen der Erde gibt es einzelne kleine Gruppen, die an den Erkenntnissen arbeiten. Vermutlich wird daraus eine völlige neue Form des menschlichen Zusammenlebens entstehen. Doch was daraus erwachsen wird, kann jetzt noch niemand wissen.

Korallenes Mem:

ist Zukunftsmusik, die wir bestenfalls, wenn überhaupt, nur erahnen können. Die Zukunft wird gestaltet werden, soviel steht fest, aber was und wie, das werden wahrscheinlich erst unsere Nachfahren wissen.

Zu den Mems lässt sich noch vieles andere sagen, aber für einen Blog ist sogar dieser Text schon zu lang. Ich hoffe, dass ich wenigstens ein wenig inspirieren konnte. Vielleicht denken Sie ein wenig drüber nach, in welchem Mem Sie die meiste Zeit Ihres Lebens verbringen. Wenn Sie das verstanden haben, werden Sie vielleicht auch verstehen, warum Sie mit bestimmten anderen Konflikte haben. Vielleicht machen Sie mal ein kleinen Ausflug ins türkise Mem. Dann denken Sie einfach: die anderen da draußen, die mich so nerven, sind ein Teil von mir und vielleicht finden Sie dann sogar eine Lösung. Wenn Sie es nur bis gelb mögen, dann probieren Sie einen Perspektivenwechsel und lassen Sie sich davon inspirieren. Aber lassen Sie die Einsicht in Ihr Herz, dass andere Kulturkreise andere Werte brauchen, um in ihrem Wertesystem leben zu können. Lassen Sie uns alle von der Vielfalt lernen, denn die Farben sind es, die die Welt verschönern. Grau kann jeder, aber soweit ich weiß, gibt es kein graues Mem. 🙂

4 comments on “Spiral Dynamics und die memetischen Zustände

  1. Kathrin sagt:

    Brilliant und teilenswert! Dieses Wissen ist für mich als Führungskraft absolut essentiell. Danke

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